„Der Tag wird kommen, an dem der Hass, der im Krieg unvermeidlich scheint, überwunden wird. Einmal muss das Europa Wirklichkeit werden, in dem Europäer leben können.“ Mit diesen Worten formulierte Willy Brandt im August 1943, also während des Zweiten Weltkrieges, aus seinem skandinavischen Exil eine europäische Vision. Gerade in Zeiten des Krieges, die die Menschen auf dem europäischen Kontinent im 19. und vor allem im 20. Jahrhundert leidvoll erfahren haben und deren Ursachen besonders auch in übersteigerten Nationalismen liegen, ist eine Hoffnung auf ein friedvolles Miteinander besonders dringend. Der europäische Einigungsprozess, angestoßen durch weitere Visionäre wie Robert Schumann, Jean Monnet, aber auch Konrad Adenauer, half – zunächst über eine wirtschaftliche Kooperation und die damit verbundene Herstellung supranationaler Kontakte und Verflechtungen –, solche gefährlichen Nationalismen zu überwinden und eine im historischen Kontext gesehen vergleichsweise lange Epoche des Friedens in und für Europa zu gründen. Wenngleich dies zunächst nur für die eine Hälfte des geteilten Kontinents galt, so wurde nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Diktaturen in Ost- und Mitteleuropa der Schritt gewagt, dieses Friedens- und auch Freiheitsmodell auch für diesen Teil unseres Kontinents zu öffnen. Neben der wirtschaftlichen und damit verbunden auch der zunehmenden politischen Integration lag die Hoffnung der europäischen Gründermütter und -väter vor allem auf der Jugend. Das im Elysée-Vertrag 1963 begründete deutsch-französische Jugendwerk ermöglichte den Austausch und Kontakt zwischen Jugendlichen zweier Staaten, die sich Jahrzehntelang als Erbfeinde angesehen und als solche immer wieder bekämpft hatten. Diese Kontakte trugen dazu bei, das Verhältnis zu normalisieren, ja so weit zu stabilisieren, dass bald von einer deutsch-französischen Freundschaft die Rede sein konnte. Damit wurden sie Vorbild für weitere, nationale Grenzen überwindende Kooperationen, die den Austausch und das Kennenlernen unter Jugendlichen verschiedenster europäischer Staaten ermöglichen und somit einen Beitrag leisten, dass ein Abbau nationalistischer Klischees, ein Erkennen von Gemeinsamkeiten, die Akzeptanz gewisser Unterschiede, vor allem also ein auf Kommunikation beruhendes friedliches Miteinander unter Europäern weitergehen und weiter möglich bleiben kann.

Als Europaschule sind auch wir diesem Gedanken verpflichtet, wollen auch wir – gerade auch in Zeiten realer und vermeintlicher Krisen – unseren Beitrag leisten, dass dieser Prozess der Integration, dieser Prozess des Miteinanders weitergeht und – wo möglich – intensiviert wird. Seit dem Jahr 2008 tragen wir das Siegel Europaschule, die wir als Auszeichnung unserer bisherigen Arbeit, aber auch als Ansporn sehen, diese weiterzuführen und zu vertiefen. Die Idee und der Gedanke Europa mit all seinen Facetten sind und bleiben ein wesentlicher Baustein unseres Schullebens. Im regulären Unterricht finden sich europäische Themen fest in den unterschiedlichen Fachlehrplänen verankert, ein neues Differenzierungsfach für die Jahrgangsstufen 8 und 9 hat einen dezidiert europäischen Schwerpunkt und auch in der Oberstufe bieten wir immer wieder Projektkurse zu europäischen und europapolitischen Themen- und Problemstellungen an. Unser breites Fremdsprachenangebot, vor allem aber auch unserer englisch-bilingualer Zweig, vermitteln unseren Schülerinnen und Schülern Sprachkompetenzen im Hinblick auf eine Mehrsprachigkeit, die wiederum die Basis für Austausch und Verständigung unter Europäern bildet. Eine Begegnung von Jugendlichen fördern wir dann durch unser Austauschprogramm, das unseren Schülerinnen und Schülern im Laufe ihrer Schulzeit den Kontakt zu Gleichaltrigen aus unseren europäischen Partnerschulen ermöglicht und – wie die Ideen des Elysée-Vertrages es bereits vorsahen – ein Miteinander kennenzulernen und zu leben. Solche aus dem Unterricht erwachsenden Angebote werden durch eine Vielzahl weiterer Aktivitäten ergänzt, die in Zusammenarbeit von motivierten Schülern, Eltern und Lehrern in unserem ‚Arbeitskreis Europa‘ entwickelt, geplant und durchgeführt werden.1 Seit etlichen Jahren fahren wir nun schon einmal im Jahr mit Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 11 nach Brüssel, um unsere europäische Hauptstadt zu entdecken, einen Einblick in den Brüsseler Politikbetrieb und die europäischen Entscheidungsprozesse zu gewinnen und mit politischen Akteuren vor Ort zu diskutieren. Für diese Seminarfahrt arbeiten wir von Beginn an erfolgreich der Europäischen Akademie NRW zusammen. Die Kooperation mit weiteren externen Partnern wie dem Polnischen Institut oder dem Gerhart-Hauptmann-Haus bringt unserer Arbeit immer wieder zusätzliche und gewinnbringende Impulse von außen. Von außen kommen auch unsere Gäste zu unseren alljährlich im Mai stattfindenden Europatagen. So haben uns in den letzten Jahren Stefan Engstfeld aus dem Landtag, der deutsch-polnische Schriftsteller Artur Becker oder der nordrhein-westfälische Umweltminister Johannes Remmel besucht, um mit unseren Schülerinnen und Schülern über politische, kulturelle oder ökologische Themen zu diskutieren, „fremde“ Nachbarn kennenzulernen und einen Einblick in die Vielfalt, die Chancen und Herausforderungen des europäischen Integrationsprozesses zu vermitteln. Diesem Ziel folgt auch unsere neue, von einer Schüler-Arbeitsgruppe organisierte und durchgeführte Gesprächs- und Diskussionsreihe „Ceci meets Europe“, zu der wir an mehreren Abenden im Schuljahr Akteure und Experten aus Politik, Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft einladen, um mit uns als Schulgemeinschaft über aktuelle europäische Themen ins Gespräch zu kommen. Diese und viele weitere Aktionen und Projekte bilden so die kleinen Mosaiksteine unseres Europaprofils, mit dem wir unsere Schülerinnen und Schüler in Kontakt mit Europa und besonders den Europäern bringen, Verständigung und Austausch ermöglichen und eine Einsicht in die Wichtigkeit eines freiheitlichen und vor allem friedlichen Miteinanders in Europa, das nationalistische Abgrenzungen, Feindseligkeiten und Ressentiments überwindet, schärfen wollen.

Dr. Tobias Lüpges
für den Arbeitskreis Europa

1 Interessierte Leserinnen und Leser aus Schüler- oder Elternschaft seien an dieser Stelle herzlich eingeladen, sich in unsere Europaarbeit mit einzubringen. Herr Lüpges steht bei Interesse gerne für Fragen und Informationen zur Verfügung.