Wer sich mit Latein beschäftigt, lernt die Welt der Griechen und Römer kennen, die Antike als eine andere, immer noch faszinierende Lebensform. Es macht sehr viel Spaß, anhand der neuen Lehrbücher zu erfahren, wie das tägliche Leben einer römischen Familie aussah, welche Feste gefeiert, welche Götter verehrt wurden.

Wer Latein lernt, erfährt viele Dinge über die Grundlagen der europäischen Kultur, Wissenschaft und Literatur. Latein eröffnet den Zugang zu den Heldensagen der Antike, zu Troja, zu Odysseus. Man begleitet die großen Gestalten der Geschichte wie Alexander den Großen oder Caesar auf ihren Feldzügen und es wird deutlich, wie das römische Weltreich nach und nach entstand. Die Mythen der Griechen und Römer, d. h. die Götter- und Heldengeschichten, die bis heute zum gemeinsamen europäischen Kulturbesitz gehören, werden allmählich erschlossen. Selbst ganz moderne Romane oder Theaterstücke sind oft voller mythologischer Anspielungen und ganze Bereiche der europäischen Literatur, ob es sich nun um Goethe oder Shakespeare handelt, sind ohne tief gehende Kenntnisse der Antike nicht vollständig zu verstehen. In der lateinischen Literatur werden Grundfragen der menschlichen Existenz, die auch heute Gültigkeit haben, gestellt und es wird darüber diskutiert.

Eine Schülergruppe in Xanten
Besuch in Xanten

Wer Latein lernt, lernt gleichzeitig wesentliche formale und analytische Fähigkeiten. Man lernt, genau auf den Text zu sehen, Dinge zu strukturieren, nach bestimmten Methoden gezielt vorzugehen und erwirbt eine gute Grundlage der formalen Grammatik. Dies könnte zwar auch im Deutschunterricht oder in den modernen Fremdsprachen geschehen, allerdings stehen in diesen Fächern vor allem kommunikative und sprachproduktive Aspekte neben der grammatischen Schulung, sodass die Grammatikarbeit dort nicht im Vordergrund stehen kann.

Die Kenntnis des Lateinischen wirkt sich in vielfältiger Weise auf die Beherrschung der deutschen Muttersprache aus: Die Schüler sehen teils ähnliche Strukturen, teils unterschiedliche und erfahren so ihre Muttersprache durch den Kontrast viel bewusster. Auch werden durch das häufige Übersetzen schon sehr früh sprachreflektorische und sprachvergleichende Überlegungen gefördert. Das Lateinische führt dazu, dass man viele Fremdwörter im Deutschen durchschaut und dadurch besser und sicherer beherrscht. Allerdings kann der Lateinunterricht nicht größere Sprachdefizite im Deutschen ausgleichen.

Die Beherrschung eines grammatischen Systems und die Kenntnis lateinischer Wörter sind auch für das spätere Erlernen anderer Sprachen, besonders natürlich der romanischen Sprachen, wie z. B. des Französischen, des Spanischen, des Italienischen, von großem Nutzen. Auf der Grundlage des Lateinischen kann man andere Sprachen wesentlich schneller und rationeller lernen. Durch den Lateinunterricht werden Brücken zwischen dem Lateinischen einerseits und andererseits dem Englischen, dem Deutschen und den anderen romanischen Sprachen gebaut, so dass der Sprachenerwerb dieser Sprachen durch einen ständigen Prozess begleitet und gefestigt wird

Ein eher formaler Aspekt für das Erlernen der lateinischen Sprache, der aber für die Laufbahn eines jungen Menschen sehr wichtig werden kann, ist das Latinum. Es ist dies eine formale Bescheinigung, die nach einer Belegung von der Klasse 6 bis zum Ende der Jahrgangsstufe 10 bei mindestens ausreichenden Leistungen im Zusammenhang mit dem Erwerb des Abiturs fundierte Lateinkenntnisse bestätigt. Das Latinum ist für das Studium einer Reihe von Fächern vorgeschrieben: Nicht so sehr für Fächer wie Jura oder Medizin, in denen die Bedeutung des Lateinischen zurückgeht, sondern beispielsweise für das Studium der modernen Fremdsprachen, wie z. B. des Französischen oder des Englischen.

Der Erwerb des Latinums an der Universität ist sehr viel aufwendiger, führt in jedem Fall zu Zeitverlust und manchmal zum Abbruch des Studiums. Aktuelle Informationen zum Latinum und Möglichkeiten des späteren Erwerbs können im Internet unter dem Stichwort medicamina- Online- Informationen zur Antike abgerufen werden.

Darüber hinaus erleichtern Lateinkenntnisse in allen Studiengängen das Verständnis der Fachbegriffe und sind daher eine sinnvolle Grundlage für jedes Studium.

Heute wird die Nützlichkeit des Lateinischen oft in Frage gestellt. Aber die Ausbildung auf dem Gymnasium kann nicht nur dazu dienen, berufsbezogenes Wissen zur Verfügung zu stellen, sondern sie sollte grundlegende Fähigkeiten und Fertigkeiten in verschiedenen Bereichen vermitteln. In diesem Sinne ist Latein ein wichtiges Fach des Gymnasiums. Wissen ist in vielen Fächern oft nach wenigen Jahren veraltet, grundlegende Arbeitsweisen und Methoden können dagegen auf andere Dinge übertragen werden.

Die Unterrichtsgestaltung verläuft anders als in den modernen Fremdsprachen. Der Unterricht erfolgt auf Deutsch, es gibt praktisch keine Ausspracheschwierigkeiten. Aber die Übungen in den modernen Büchern haben sich an die modernen Sprachen angepasst und sind abwechslungsreich und lebendig gestaltet.

Latein erfordert keine spezielle Begabung, aber wie für jede andere Fremdsprache sind Lernbereitschaft und Durchhaltevermögen notwendig. Der Schüler, die Schülerin sollte sich auf eine Sache konzentrieren können. Gerade stillere Schüler sind oft für den Lateinunterricht geeignet, weil sie sich nicht in der Fremdsprache ausdrücken müssen.

Positiv ist auch ein bereits vorhandenes Interesse an geschichtlichen Dingen, das aber auch im Verlauf des Unterrichts geweckt werden kann. Es gibt viele gute deutsche Jugendbücher, die den Lateinunterricht unterstützen. Die Eltern brauchen selbst nicht Latein zu beherrschen und können ihren Kindern trotzdem, z. B. durch Vokabelabfragen, helfen.

Wer sich intensiver mit den angesprochenen Aspekten auseinandersetzen möchte, dem sei das folgende Büchlein als anregende Lektüre empfohlen:
Karl-Wilhelm Weeber, Mit dem Latein am Ende? Tradition mit Perspektiven, Vandenhoeck & Ruprecht 1998.

Frau Dr. Bäcker
Februar 2010